Bürgeraktion Eisenhafengrund: Besuch der Trocken-Bio-Vergärungsanlage in Leonberg

Die Bürgeraktion Eisenhafengrund konnte in Leonberg die Anlage ausführlich besichtigen. Foto: pm

Die Bürgeraktion Eisenhafengrund konnte in Leonberg die Anlage ausführlich besichtigen. Foto: pm

Pressemitteilung der Bürgeraktion vom 7. September 2012 zur Biomüllvergärung im Eisenhafengrund.

Werden den Gemeinde- und Ortschaftsräten in Karlsruhe absichtlich wichtige Informationen vorenthalten?

Die Bürgeraktion Eisenhafengrund hat am 4. September 2012 die Trockenvergärungsanlage  in Leonberg besichtigt. Der Betriebsleiter, Herr Völske, hat uns dankenswerterweise  fast 3 Stunden über die Trocken-Bio-Vergärungsanlage informiert und durch die Anlage geführt. Bisher hat der Landkreis Böblingen über 35 Millionen € in diese Anlage investiert. Weitere 5 Mio. € sind innerhalb des nächsten Jahres eingeplant. Die Kosten der teuren Hallen und Lüftungsbauteile für eine eingehauste Nachverrottung sind darin noch nicht enthalten.

Die Anlage in Leonberg entspricht dem Typ, wie er im Eisenhafengrund/Ochsenstraße in Durlach neu gebaut werden soll.  Der Unterschied besteht hauptsächlich darin, dass der Fermenter (das Gärfass) nicht liegt, sondern steht und 28 m hoch ist. Der Vorteil des stehenden Fermenters besteht darin, dass  er nicht das extrem störanfällige Rührwerk des liegenden Fermenters, wie jetzt in Durlach geplant, benötigt. Das Gärgut sinkt bei stehendem Fermenter je nach Stand der Vergärung aufgrund der Schwerkraft nach unten.

Der Flächenbedarf der Leonberger Anlage, die 35.000 t/Jahr verarbeitet, liegt ohne Nachverrottung bei ca. 8.000 qm. Die Aufenthaltszeit der Biomasse bei der Trockenvergärung beträgt in Leonberg ca. 21 Tage. Von dem unten entnommenen vergorenem Material werden 5/6 Teile erneut der Vergärung zugeführt. Man kommt deshalb auf eine gesamte Aufenthaltszeit des Gärgutes im Fermenter von fast 100 Tagen. Der endgültig entnommene Rest (1/6) wird auf Trockenbändern bis 98 % TS (Trockensubstanz) getrocknet. Um diese Gärreste als Kompost verwenden zu können, wird der vergorene „Biomüll“ mit unbedenklichem Material aus Laub, Grünschnitt usw. „verdünnt“. Zur weiteren Nachrotte wäre in Leonberg ein zusätzlicher Flächenbedarf von über 30.000 qm notwendig. Weil der Platz derzeit nicht zur Verfügung steht, werden die Leonberger Gärreste in Leonberg mit Grünschnitt verdünnt, für ca. 55 €/t plus Transportkosten nach Kirchheim/Teck transportiert und dort mit weiteren unbedenklichen Grünabfällen „verdünnt“ und in einer geschlossen Halle (eingehaust) kompostiert.

Die Bürgeraktion wurde in Leonberg auch darüber informiert, dass die in Ingenieurbüros entwickelten Anlagen sich in der Praxis immer anders als erwartet verhalten. Jahrelange individuelle Erfahrung ist erforderlich, um die Kosten einer neuen Anlage überschaubar zu machen.

Die Anlage steht seit dem 1. September 2012 still, weil eine Edelstahlwelle, die sich in einer Biotonne (!) befand, nicht rechtzeitig entdeckt und aussortiert werden konnte, eine Förderschnecke zerstört hat. Ein Schaden, der mit den Folgeschäden schnell 100.000 € erreicht, verursacht durch gedankenloses Verhalten eines Nutzers der Biotonne.

Ähnlich große Probleme bereitet in den Biovergärungsanlagen das Aussortieren von Glas, Erde und Steinen, Folien, Kunststoffnetzen für Orangen und Kartoffeln und anderen Gegenständen, die im Biomüll nichts zu suchen haben. Deshalb wird die Möglichkeit der manuellen Vorsortierung künftig immer wahrscheinlicher. Dass diese manuelle Vorsortierung entsprechend teuer ist, kann man sich leicht vorstellen. Auch diese (zukünftigen) Kosten sind in den Kalkulationen des Amtes für Abfallwirtschaft für die geplante Anlage in der Ochsenstraße nicht enthalten. Aber das macht ja nichts, weil nicht die Stadt Karlsruhe diese Mehrkosten aus dem Haushalt finanziert, sondern direkt jeder einzelne Bürger über die Gebühren für die normale Hausmülltonne.

Bei der Nassvergärung in Durlach beträgt die Zeit im Fermenter nur maximal 8 Tage. Die Ausbeutung von Methangas (eigentlicher Grund für eine Biovergärung) ist bei der Bio-Nassvergärungsanlage (wie in Durlach vorhanden) viel höher als die Ausbeute bei einer Trockenvergärung. Die Gärreste einer Trockenvergärung verursachen deshalb zusätzlich eine wesentlich längere Aufenthaltszeit in der Nachverrottung. Der vergorene Karlsruher Biomüll  soll im Eisenhafengrund ebenfalls mit unbedenklichem Material „verdünnt“ und als „Biokompost“ verkauft werden. Die Gemeinde- und Ortschaftsräte wurden bisher nicht darüber informiert, dass die jetzige Planung seit fast 2 Jahren davon ausgeht, die Kompostanlage am Herdweg an der Autobahn A5 (bisherige Größe ca. 15.000 qm) in den Eisenhafengrund zu verlegen.

Die bisher geplante Ausbaustufe der Trockenvergärungsanlage im Eisenhafengrund liegt bei ca. 18.000 t/Jahr. Mittelfristig geplant ist die Ausbaustufe von ca. 42.000 t/Jahr. Hierfür muss Biomüll aus den umliegenden Land- und Stadtkreisen eingekauft werden. Die Folge ist, da auch Privatanlieferer ihren Grünabfall dort abgeben werden müssen, dass  täglich mehrere hundert Fahrzeuge  zusätzlich durch Durlach über die Rittnertstraße zur und von der ehemaligen Deponie Ost fahren werden.

Die letztendlich geplante Ausbaustufe wird vom Amt für Abfallwirtschaft wohlweislich noch unter der Decke gehalten. Der Ausbau und die Erweiterung der Anlage bei der Deponie Ost sollen den Gebührenzahlern und vor allem den Durlacher Bürgern nur häppchenweise zugemutet werden. Wenn nämlich erst einmal ein Teil genehmigt und in Betrieb ist, dann hat man leichtes Spiel, Erweiterungen als alternativlose Folgeerscheinung darzustellen.

Die jetzige Durlacher Anlage wurde bereits 15 Jahre gefahren und getestet. Die derzeitige Mannschaft in der Ochsenstraße  ist von „ihrer“ Nassvergärungsanlage in Durlach überzeugt. Sie haben der Amtsleitung bereits Vorschläge gemacht, die leider ignoriert wurden. Ein jahrelanger Wartungs- und Reparaturstau, der durch Sparen am falschen Fleck (oder mit Absicht) entstanden ist, hat den schlechten Ruf der Anlage in Durlach  verursacht. Außerdem sind die einzelnen Anlageteile sträflich unprofessionell eingebaut worden, sodass z.B. die Länge der empfindlichen Förderbänder ca. viermal so groß ist, wie sie bei gut angeordnetem Einbau hätten sein müssen.

Das Hauptproblem der Nass- und Trockenvergärungs-Anlagen ist hausgemacht. Aus Kostengründen werden die Anlagenteile nur einfach nacheinander (eingleisig) eingebaut. Ist ein Bauteil defekt, steht die ganze Anlage. Wenn man einzelne empfindliche Anlagenteile, wie z.B. den Fermenter, parallel doppelt dazu bauen würde, wären die Neubaukosten anfangs um ca. 30 % bis 40 % höher. Man vermeidet hierdurch aber Stillstandszeiten mit sehr hohen Folgekosten, die nach einigen Jahren die anfänglichen Mehrkosten weit übertreffen. In Leonberg ist diese zusätzliche Investition von ca. 6-8 Mio. € notwendig, weil in 2 Jahren der Fermenter einer 3-monatigen Sicherheitsprüfung unterzogen werden muss. Es sei denn, man nimmt die zusätzlichen, ökologisch nicht gewollten Entsorgungskosten in Höhe von über 3 Mio. € in Kauf.

Karlsruhe hat gegenüber dem Landkreis Böblingen sehr viel bessere Voraussetzungen, um eine vernünftige und kostengünstige Entsorgung der Bioabfälle zu gewährleisten. Die jetzige Kompostanlage am Klärwerk in Neureut ist der optimale Platz für die Vergärung und nachträgliche „Verdünnung“. Die „Verdünnung“ findet jetzt schon statt. Die Einhausung dieser Kompostanlage (ein luftdichter Abschluss, der die jetzige Geruchsbelastung der  Neureuter Bürger vermeidet), wäre die optimale Lösung, um den jetzigen Kompost und die  Bioabfälle zu bearbeiten. Außerdem gelangen bei einer eingehausten Kompostierung die riesigen Mengen an Methan (Energieträger) und CO₂ nicht mehr in die Atmosphäre. Die anfallenden bedenklichen Abwässer können im benachbarten Klärwerk ohne Transportkosten behandelt werden. Derzeit werden die Abwässer vom Eisenhafengrund kostenintensiv per Tankwagen zum Klärwerk transportiert, auch Kosten, die bei einer Vergrößerung der Anlage deutlich steigen werden.

In Leonberg hat die Bürgeraktion erfahren, dass eine Minimierung von beweglichen Anlagenteilen der beste Weg der Kosteneinsparung ist. Die neue geplante Trockenvergärung Durlach gewährleistet unter anderem durch die notwendigen Rührwerke eine Maximierung beweglicher Teile und somit eine Maximierung der Kosten. Die Bürgeraktion empfindet dies aufgrund der millionenschweren Kosten der Vorplanung  als Ohrfeige für die Karlsruher Bürger. Die derzeitigen Müllgebühren in Karlsruhe sind mehr als doppelt so hoch wie in vergleichbaren Land- und Stadtkreisen. Um ein weiteres Millionengrab vom Amt für Abfallwirtschaft und vom derzeit zuständigen Bürgermeister Stapf (Dezernat 5) zu vermeiden, verlangt die Bürgeraktion, dass erst einmal sorgfältig geprüft wird, welches Verfahren ausgewählt wird.

Derzeit liegt seltsamerweise nur ein sehr teures vom AfA und Dezernat 5 favorisiertes Verfahren im Rennen. Die geplanten Kosten liegen nach Angaben vom AfA und Dezernat 5 bei ca. 16 Mio. €. In Leonberg wurden für eine ähnliche Anlage innerhalb 7 Jahren über 35 Mio. € ausgegeben, ohne dass ein Ende der unabweisbaren Investitionen in Sicht ist. Hinzu kommen noch die Kosten für eine eingehauste Nachverrottungshalle. Die sehr teure Halle ist wegen der Geruchsbelastung und dem Absaugen von Methan und CO₂ unbedingt notwendig. Die Kosten dafür liegen, wenn man alles berücksichtigt (rostfreies Material, luftdichter Abschluss, Absaugung, Luftfilter usw.) bei ca. 500 €/qm. Eine 20.000 qm große Halle kostet somit ca. 10 Mio. €.

Nächste Besichtigung in Ringsheim

Die derzeitigen Kosten für eine 120-Liter Restmülltonne (bei 26 Leerungen) liegen in Karlsruhe bei 360 €/Jahr. Im Ortenaukreis liegen die vergleichbaren Kosten derzeit bei 162 €/Jahr, im Landkreis Karlsruhe bei 166 €/Jahr. Wir werden deshalb die Müll- und Biomüllverwertungsanlage des Ortenaukreises, die MBA Kahlenberg (Mechanisch-biologische Abfallbehandlungsanlage) in Ringsheim besichtigen. Die Besichtigung findet am 5. Oktober 2012, 14.00 Uhr statt. Interessierte Bürger sind herzlich willkommen.

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