BMD-Gelände: geplantes Hochhaus stößt auf reichlich Kritik

Umnutzung ehemaliges BMD-Gelände: Hier das Entwurfsmodell („Steidle Architekten“), welches dem Ortschaftsrat Durlach in der vergangenen Sitzung vorgestellt wurde. Foto: cg

Umnutzung ehemaliges BMD-Gelände: Hier das Entwurfsmodell („Steidle Architekten“), welches dem Ortschaftsrat Durlach in der vergangenen Sitzung vorgestellt wurde. Fotos: cg

Hoch hinaus ging es am Mittwoch (19. Januar 2022) bei der ersten Durlacher Ortschaftsratssitzung im neuen Jahr – sowohl städtebaulich als auch emotional. Der „Turm“ des Anstoßes ist fast 58 Meter hoch und soll das neue „identitätsstiftende“ Zentrum des ehemaligen BMD-Geländes zwischen Pfinztalstraße, Pforzheimer Straße und Pfinzstraße werden.

Wo einst Eisen gegossen und Maschinen hergestellt wurden, soll im westlichen Teil ein neues innerstädtisches Quartier entstehen. Bereits in den 1990er Jahren sicherte sich die benachbarte „Schwabe“-Gruppe das gegenüberliegende Areal als mögliche Erweiterungsfläche. Die Pläne des Pharmaunternehmens änderten sich allerdings, die bestehenden Hallen wurden vermietet oder als Lager genutzt. Ansonsten war Dornröschenschlaf angesagt. Das soll sich nun ändern.

Das vom Büro „Steidle Architekten“ aus München für „Schwabe“ entwickelte Konzept, welches 60 Prozent für gewerbliche Nutzung und 40 Prozent für Wohnzwecke vorsieht, konnte schließlich die Stadt Karlsruhe überzeugen. Die Durchführung eines Bebauungsplansverfahrens soll jetzt mit Zustimmung des Durlacher Ortschaftsrates den Weg zum notwendigen Mischgebiet ebnen, zudem weiterführende Zielvereinbarungen zwischen Stadt und Investor durch einen städtebaulichen Vertrag fixiert werden.

Neues Stadtquartier soll entstehen

Das Neuordnungskonzept sieht den Erhalt der beiden langgestreckten Hallen an der Pforzheimer Straße (Halle 3) und in der Gebietsmitte (Halle 1) sowie des Kesselhauses und des nordwestlichen Eckgebäudes (Halle 14, „Grüner Krebs“) vor. Anbauten an die beiden Bestandshallen sowie der Neubau eines sechsgeschossigen Gebäudes im Süden und eines Riegels im Norden sind ergänzend geplant. Soweit konnten sich die Ortschaftsrätinnen und -räte auch durchweg für die Planungen begeistern. Die lebendige Mischung aus Einzelhandel, Gastronomie, Büro, Kita und Wohnen gefiel. Insgesamt sollen 150 Mietwohnungen, davon ein Drittel Sozialwohnungen entstehen, so Stadtplanungsamtsleiterin Anke Karmann-Woessner. Zwei zusätzliche Eingänge entlang der Pforzheimer Straße sollen das neue Quartier öffnen, Verbindungen zum alten Durlacher Stadtkern schaffen. Auch klimatisch soll der bisherige Hot-Spot mit Grünflächen und Bäumen verbessert werden. Lediglich bei der geplanten Anzahl an Parkplätzen wurde überschaubare Kritik laut.

Zu hoch!

Hoch her ging es indes beim Kernstück der Planungen: dem Neubau eines 17-stöckigen Hochhauses – nicht viel niedriger als der Kirchturm der Durlacher Stadtkirche. Architekt Johannes Ernst: „Die anderen Hallen müssen freigestellt werden.“ Um trotzdem genug Raum für Wohnungen auf dem Areal zu haben und als vertikaler Gegenpol soll dieser Turm entstehen. Für das Erdgeschoss ist eine öffentliche Nutzung vorgesehen, bis zur vierten Ebene soll das Hochhaus gewerblich genutzt werden, dann folgen Wohnungen. Das abschließende Dachgeschoss soll wieder für eine öffentliche Nutzung zur Verfügung stehen. Angesichts der markanten Höhe sichert Architekt Ernst dem Ortschaftsrat einen Entwurfswettbewerb für das Gebäude auf hohem Niveau zu – „damit die Qualität gesichert ist“. Das ist laut Karlsruher Höhenentwicklungskonzept auch vorgeschrieben. Danach fällt der geplante Turm in die Kategorie III (36 bis 60 Meter Höhe) und wäre damit stadtbildprägend. Diese Ausnahmen im Karlsruher Stadtbild müssen gut begründet werden und erhöhte Anforderungen erfüllen.

Meinungen aus dem Ortschaftsrat

Die neue Grünen-Fraktionsvorsitzende Sonja Klingert dazu: „Wir sind nicht München, Frankfurt, wir sind Durlach.“ Ja, man müsse Städte vertikal denken, aber ihre Fraktion sei hier gespalten: Hochhaus ok, aber es sei einfach zu hoch. Aus ihrer Sicht müsse die Höhe deutlich –  maximal 35 Meter (Kategorie II = stadtteilprägend) – reduziert werden.

Ortschafts- und Stadtrat Dirk Müller (CDU) betonte, dass diese wichtige Diskussion mit Sorgfalt geführt werden müsse. Deutlich kritischer sah es Jan-Dirk Rausch (SPD): Die Fläche werde bis zum letzten Quadratmeter spekulativ ausgenutzt. „58 Meter hoher Turm? So etwas plant kein Durlacher“, so Rausch, „als SPD werden wir diesen Turm bekämpfen“. Zudem sehe er die Verträglichkeit mit der Umgebung nicht.

Auch Zahide Yesil (FW) sieht das Hochhaus als „Fremdkörper“. Anna Frey (Die Linke) kritisiert zudem die Schattierung, zu wenige Freiflächen und macht sich Sorgen um die soziale Vernetzung. Hartmut Bruker (AfD) findet 17 Stockwerke ebenfalls nicht akzeptabel: „Durlach muss nicht um jeden Preis wachsen. Für mich ein klares ‚Nein‘.“ Dies kam auch von Günther Malisius (FDP): „Der Turm zerstört Durlach, zerstört das Bild.“ Er sprach sich für eine Begrenzung bis 25 Meter aus.

Stefan Noé (FDP) hatte immerhin versöhnliche Worte: „Wir brennen für Durlach, wir machen es uns mit unseren Entscheidungen nicht einfach. Wir haben jetzt die Chance, Wohnraum zu schaffen am Stadteingang.“ Es sei eine Höhenentwicklung, „die schon markant ist“, so dass man sicherlich noch viele Runden brauchen werde. Als Fan des Wohnturms „outete“ sich Elke Frey (Grüne) und bezeichnete ihn als „Bringer“ für die Altstadt von Durlach: „Schön wäre eine gigantische Fassadengestaltung, einfach wieder mal ein Highlight setzen, mal was Neues wagen“, Architektur solle Diskussionen auslösen.

Diskussion wird fortgeführt

Davon gab's in dieser Ortschaftsratssitzung reichlich. Am Ende fand Ortsvorsteherin Alexandra Ries deutliche Worte: „Nicht über einen Bebauungsplan entscheiden wir heute, sondern über den Eintritt in ein Bebauungsplanverfahren.“ Und auch Karmann-Woessner wies darauf hin: „Wir müssen zu einer Lösung kommen“, versprach den Mitgliedern des Ortschaftsrats zudem Workshops.

Die Fraktionen verständigten sich darauf, die Beschlussvorlage mit Ausnahme „Höhe des Turmes“ und Hinweis auf Diskussionsbedarf abzuändern und zuzustimmen bei einer Gegenstimme.

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