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Karlsruher Klimaschutzkonzept 2030 – Kraftakt auf allen Ebenen

Bürgermeisterin und Umweltdezernentin Bettina Lisbach stellte den derzeitigen Arbeitsstand des Karlsruher Klimaschutzkonzepts 2030 vor. Foto: cg

Mitte Juli rief der Gemeinderat den „Klimanotstand“ für Karlsruhe aus, nun sollen Taten folgen.

Es sei „gut und berechtigt“, so Umweltdezernentin Bettina Lisbach, dass der Klimaschutz fortan im Mittelpunkt stehe: „Auch in Karlsruhe spüren wir den Klimawandel zunehmend.“ Um zukünftigen Herausforderungen begegnen zu können, erarbeitet die Stadtverwaltung aktuell ein neues Klimaschutzkonzept. Zielhorizont: 2030.

„Keine Zeit zu warten, das gilt auch für Karlsruhe als Kommune“, betont Lisbach. Das Konzept soll den Rahmen für die Klimaschutzaktivitäten der kommenden Jahre vorgeben und neue Impulse setzen. Bereits 2009 wurde für die Fächerstadt ein erstes Klimaschutzkonzept entworfen. Daraus resultierten Energieleitlinien, die Versorgung öffentlicher Gebäude ausschließlich mit Strom aus erneuerbaren Energien oder auch die Positionierung als Fahrradstadt.

„Wir müssen deutlich zulegen“

Trotz Bevölkerungszuwachs konnte in den vergangenen zehn Jahren der Karlsruher CO₂-Verbrauch so um 24 Prozent gesenkt werden, allerdings mit nachlassender Dynamik in den vergangenen Jahren. „Wir müssen deutlich zulegen“, stellt Lisbach mit Blick auf die angestrebte Klimaneutralität fest. Aktuell verbrauche jeder Bürger acht Tonnen CO₂ pro Jahr. Um klimaneutral zu werden, sei eine Reduzierung auf maximal eine halbe Tonne notwendig. Diese Dimension zeigt, welchen Kraftakt die Stadt Karlsruhe in den kommenden Jahren unternehmen muss. Nicht nur in der Verwaltung, auch Unternehmen und Bürger müssen überzeugt und mitgenommen werden.

Mit einer Potenzialanalyse für Karlsruhe sollen Maßnahmen festgelegt werden. Einsparmöglichkeiten beim Strom, Stromerzeugung durch Photovoltaik und Tiefengeothermie, Einsparung von Wärme durch energetische Sanierung, Einsatz von Wärmepumpen – all das soll in das Klimaschutzkonzept einfließen. Geplant ist auch der Ausbau von Fern- und Nahwärmenetzen. Die Sanierung im Bestand müsse ebenso vorangebracht werden, so Lisbach. Alle Maßnahmen stets unter dem Leitsatz der Klimaneutralität. Für Unternehmen – immerhin tragen Gewerbe und Industrie zu 50 Prozent der CO₂-Emissionen in Karlsruhe bei – soll eine Klimaallianz entstehen. Nicht zu vergessen die begleitende Öffentlichkeitsarbeit, denn die Karlsruher müssen auch von der Notwendigkeit überzeugt werden. Insbesondere der Autoverkehr sei ein schwieriges Thema in der Kommune, ist sich auch Lisbach bewusst. Klare Ansage dabei von der Landesregierung: eine Verdoppelung der ÖPNV-Nutzung, jedes dritte Auto klimaneutral, Reduzierung des Kfz-Verkehrs um ein Drittel in den Städten und jeder zweite Weg sollte aktiv zu Fuß oder Fahrrad zurückgelegt werden.

Auf Sonnenenergie setzen

Betrachtet man Karlsruhe im deutschlandweiten Vergleich, spielt die Fächerstadt derzeit nur im Mittelfeld der „Solarbundesliga“ mit. „Wir belegen Platz 19“, erklärt Dirk Vogeley, Leiter der Karlsruher Energie- und Klimaschutzagentur (KEK). Dabei steckt in der Photovoltaik für Karlsruhe gegenüber Biomasse, Wasser oder Wind ein großes Potenzial. Die vielen Sonnenstunden und der südliche Breitengrad machen es möglich. Lediglich 1,7 Prozent liefern zur Zeit die von Sonnenenergie gespeisten Anlagen. Aber rechnerisch wären 54 Prozent möglich – wobei sicherlich nicht jede Fläche mit Blick auf die Statik geeignet wäre, so Vogeley.

Wer wissen möchte, wie es um sein eigenes Wohnhaus hinsichtlich potenzieller Photovoltaik-Nutzung bestellt ist, kann im Solarkataster der KEK online nachschauen (s. Links). Ein Informationszentrum ist geplant. Auch Mieter können übrigens Solarenergie schon heute nutzen. Sogenannte „Balkonmodule“ ermöglichen ohne großen Installationsaufwand die direkte Einspeisung ins eigene Stromnetz – einfach per Steckdose. Allerdings müssen die Module beim Energieversorger angemeldet werden.

Ein weiteres Themenfeld für die KEK sind die „EnergieQuartiere“: In Durlach-Aue fand bereits eine umfangreiche Beratung mit Blick auf Wechsel des Energieträgers, Sanierung der Gebäude und Solartechnik statt. Weitere Quartiere befinden sich in Knielingen und Wettersbach. „Wir wissen dort den exakten Wärmebedarf“, so Vogeley. Gerade der Energieträgerwechsel, also weg von Öl und Gas, sei entscheidend für den Erfolg.

Stadtverwaltung bis 2040 klimaneutral

Und auch die Karlsruher Stadtverwaltung möchte ihrer Vorbildfunktion gerecht werden. Bis 2040 soll diese klimaneutral werden. Dies umfasst Immobilien, Fuhrpark und viele weitere Aspekte. Allein um die Sanierung der städtischen Immobilien anzugehen, müsse man sich finanziell und personell deutlich verstärken, so Lisbach. Beispiel: Von den rund 100 Schulen in Karlsruhe, sei bisher keine einzige umfassend saniert, so Vogeley.

Dabei bleibt unklar, wie der derzeit schon deutlich spürbare Engpass in der Bauwirtschaft auch als Bremsklotz für Klimaschutzmaßnahmen wirken wird. Bereits jetzt müssen städtische Vergaben nicht selten mehrfach durchgeführt werden, um geplante Bauprojekte auszuführen. Für Privatleute sieht es bei der Beauftragung von Handwerksbetrieben nicht besser aus. Wartezeiten von mehreren Monaten sind bereits jetzt Alltag – und 2030 ist nicht lange hin.

Nach Feedback-Runden im September soll der Entwurf des Gesamtkonzepts Ende November stehen. Anfang Dezember wird dann zum Bürgerforum geladen. Für Ende des Jahres ist zudem eine Online-Beteiligung eingeplant. Der Gemeinderatsbeschluss für das Gesamtkonzept wird im ersten Quartal 2020 erwartet. Schon jetzt würden aber viele Maßnahmen laufen, gibt die Umweltdezernentin zu verstehen, dass mit der Umsetzung nicht gewartet werde – die Zeit ist knapp.

von cg veröffentlicht am

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