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Leserbrief: „Historisches Torwächterhaus in Durlach vor dem Aus?“

Leserbrief von Dr. Karl-F. Rittershofer (Rosbach) vom 1. August 2018.

Jedes Mal, wenn ich meine Heimatstadt Durlach besuche, freue ich mich über das klare Stadtbild der einstigen Hauptstadt der Markgrafschaft Baden-Durlach. Sie bietet für einen Besucher in der Entwicklung von der mittelalterlichen Kleinstadt über die Residenz zur bevorzugten Wohngegend der Karlsruher Großstadt zahlreiche attraktive Blickpositionen auf architektonische Kleinode. Und nachdem ich nun seit kurzem im Ruhestand bin, kann ich das noch viel öfter genießen als während meines Berufslebens, das mich von Frankfurt aus zwar in viele Länder aber selten nach Durlach geführt hat.

In meiner Schulzeit bis zum Abitur am Markgrafengymnasium im Jahr 1971 empfand ich Durlach als grau, unattraktiv, mit vielen ungepflegten alten Häusern im Stadtkern, verunstaltet durch zahlreiche Bausünden der Nachkriegszeit.

Das hat sich völlig gewandelt. Egal wohin mich der Weg heute führt, auf den Saumarkt, in den mittelalterlichen Stadtring, zum Basler Tor und ins „Mauerloch“, ja selbst in die von zahlreichen Startup-Unternehmen geprägten früheren Industrieregionen von Gritzner und Badischer Maschinenfabrik, Lederfabrik und Fayence: Überall erkenne ich die Struktur einer gut funktionierenden Einheit von Wohnen, Arbeiten, Freizeit, Gastronomie und Kunst wieder. Selbst in den früher trostlosen Nebensträßchen finden sich heute kleine Läden, Kneipen und Handwerksbetriebe. Stadtmauer, öffentliche Gebäude, Residenz, alle wichtigen Bestandteile einer mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Stadt kann ich als Besucher auch ohne große Beschilderung und gezielte Führung erkennen und besichtigen. Stadttore wie das gut erhaltene Basler Tor, das zwar schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts abgerissene Ochsentor mit im Verlauf gut sichtbarer Stadtmauer und zugehörigem Torwächterhaus geben einen Eindruck von der Wehrhaftigkeit der Stadt in früheren Zeiten wieder.

Trotz aller Zerstörungen in verschiedenen historischen Epochen, v.a. im 30-jährigen Krieg und jüngeren einschneidenden Ereignissen wie dem Melac-Einfall (Pfälzischer Erbfolgekrieg) und den beiden Weltkriegen: Auch die zerstörerische Nachkriegsbauwut der 50er bis 70er Jahre des 20. Jhs. konnten dem stabilen Kern dieses liebenswerten Städtchens nicht so viel anhaben, dass es heute nicht ein wirtschaftlich prosperierendes, weit über die Region hinaus beachtetes Kleinod darstellt, das zum positiven Bild von Karlsruhe genauso beiträgt wie die höchsten deutschen Gerichte, die Universität mit dem weltweit beachteten KIT und manches mehr.

Dass nun ein wesentlicher Teil dieser logischen Einheit einfach abgerissen werden soll und einer offensichtlich unbedachten Baumaßnahme  wegen vorübergehender kurzfristiger Ereignisse geopfert werden soll, hat in den letzten Wochen eine z.T. sehr impulsiv ausgetragene öffentliche Diskussion hervorgerufen:

Das Torwächterhaus am Ochsentor Ecke Pfinzstraße/Ochsentorstraße – gegenüber dem international berühmten, sorgsam mit privaten Mitteln denkmalgerecht restaurierten  Gourmet-Restaurant Ochsen – soll einem im Vergleich zu dem bestehenden Bau mehr als doppelt so großen Doppel-Giebelhaus mit verbindender Brücke weichen, wie jüngst an einem Modell im Rathaus (Bild 1) zu sehen war.

Dass sich in dem heute noch stehenden Gebäude – das in den 80er Jahren im Rahmen der damaligen Freilegung des Stadtmauerverlaufs und der Anlage des Parkplatzes am Blumentor sehr unglücklich renoviert wurde – das ursprüngliche Torwächterhaus verbirgt, kann man derzeit nur indirekt erschließen, durch die fensterlose Front an der Pfinzstraße – also stadtauswärts – wo sich ursprünglich wohl Schießscharten befunden haben, und an einem Sandsteinsockel an der Ochsentorstraße, sowie an den überdimensional dicken Mauern des Hauses.

Diese Mauern sind eigentlich vollständig aus Sandstein errichtet, wie das ursprüngliche Aussehen vor der Renovierung zeigt (Bild 2), wo auch noch ein wunderbar erhaltener Torbogen zu sehen ist, der wohl bereits in früheren Zeiten zugemauert wurde und einer sehr einfachen Tür- und Fensterfront wich.

Wenn dieses Torwächterhaus – das offensichtlich in weiten Teilen erhalten ist, auch wenn es aus unerfindlichen Gründen nicht offiziell als „denkmalgeschützt“ gilt – erst einmal abgerissen ist, lässt sich für zukünftige Bewohner und Besucher der Stadt Durlach die Gesamtsituation der Stadtbefestigung am Ochsentor mit ihren wesentlichen Elementen nicht mehr nachvollziehen. Dann ist eine Attraktion der Durlacher Altstadt unwiederbringlich verloren.

In diesem Zusammenhang ist es völlig unverständlich - wie jedermann nach kurzer Recherche im Internet leicht erfahren kann - dass dem Bauträger „Zefie“, einer als gGmbH eingetragenen Sozialeinrichtung mit dem früheren Leiter des Sybelhauses als Geschäftsführer, der in wenigen Jahren ein Immobilien-Imperium in zahlreichen Baden-Württembergischen Städten und Gemeinden mit nahezu 200 Angestellten aufgebaut hat, von den zuständigen Behörden nicht ein besser geeignetes, ruhiger gelegenes und ohne Abriss und Neubau für seine so wichtigen gemeinnützigen Zwecke schneller verwendbares Objekt empfohlen wird.

Soeben ist bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft ein Bericht über eine archäologische Ausgrabung zur Stadtbefestigung von Gernsbach, Kreis Rastatt erschienen – also in unmittelbarer Nachbarschaft - , wo derzeit mit erheblichem Aufwand eine oberirdisch nicht mehr sichtbare historische topografische Situation mit einem Stadttor und zugehörigem Torwächterhaus ergraben und dokumentiert wird, um der Nachwelt diese Situation bewusst zu machen (Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg, ISBN 978-3-8062-3814-3 (2018) S. 303 – 306). Hier in Durlach soll dagegen ein vollständig erhaltenes Beispiel der Abrissbirne zum Opfer fallen. Es sei denn, es finden sich genügend engagierte Bürgerinnen und Bürger, die sich mit der Online-Petition dagegen zur Wehr setzen (s. Links).

Ich habe in den letzten Tagen mit den verschiedenen an dieser Problematik mit unterschiedlichen Ansätzen beteiligten Gruppierungen Gespräche geführt. Vielleicht trägt dies dazu bei, dass sich alle etwas aufeinander zu bewegen und gemeinsam eine Lösung anstreben, die alle Aspekte der Beteiligten berücksichtigt.

Dr. Karl-F. Rittershofer, Rosbach bei Friedberg in Hessen
Archäologe und Bauhistoriker

Bild 1 mit freundlicher Genehmigung von Robin Cordier
Bild 2 (1985) mit freundlicher Genehmigung von Günter Heiberger

von Leserbrief veröffentlicht am

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